Das größte Rätsel von allen

Die NZZ am Sonntag aus Zürich schreibt:
Niemand weiss, wie er heisst, niemand weiss, wer er ist. Aber unter Rätselfreunden wird er verehrt wie ein Gott. Der bekannteste Rätselautor Deutschlands nennt sich CUS, mehr verrät er nicht. Von Sacha Batthyany

Das ist er also, kein Zweifel, das muss er sein, das Café Reitschule in München ist sonst menschenleer. Der bekannteste Rätselmacher Deutschlands, der Mann, den niemand kennt, der auf Fotos nur hinter dunkler Sonnenbrille und grossem Hut posiert, er sitzt an einem der Holztische und schreibt in ein kleines Heft, gedankenversunken, wie ein Kind. Grösse: ungefähr 1 Meter 90. Alter: ungefähr 45. Besondere Merkmale: keine. Ehering: Fehlanzeige. Name: unbekannt.

«Der Rätselmacher muss ein Rätsel bleiben», sagt er eine Woche vor unserem Treffen in München am Telefon. «Das gehört zum Spiel. Das hat Tradition.» Schon 1920, als die ersten Kreuzworträtsel in Zeitungen erschienen, schrieben einige Rätselmacher unter Pseudonym. «Einer nannte sich Torquemada, er benutzte den Namen eines spanischen Grossinquisitors, der im Mittelalter mehrere Tausend Menschen zu Tode gefoltert haben soll.» «Und wie soll ich Sie ansprechen, wenn wir uns in München sehen?» «Nennen Sie mich CUS.» CUS. Drei Buchstaben, die klingen wie eine Partei. Mehr verrät er nicht.

Ist CUS sein Kürzel? Steht es für die Anfangsbuchstaben seines Namens? Oder ist CUS eben gerade kein Kürzel, weil alle denken, es sei ein Kürzel? Heisst er Christian? Heisst er Carlo? Immerhin steht auf seinem Tisch eine Tasse Cappuccino: Der Rätselmacher aus Bayern, womöglich stammen seine Eltern aus Italien? Sicher ist nur:

Mit CUS‘ Namen verhält es sich wie mit einem seiner Rätsel − jeder Hinweis zählt, jedes Detail entscheidet.

Erst jetzt schaut CUS von seinem Heft auf, winkt, lacht, steht auf und sagt: «Hallo.»

«Hallo Christian.»

CUS schüttelt den Kopf.

«Hallo Carlo?»

CUS: «Leider», er zieht die Schultern hoch, «knapp daneben». Das Rätsel um seinen Namen, es ist nicht zu knacken. Nicht auf diese Art. CUS sagt: «Was ist schon ein Name?», und CUS hat recht. Wer etwas über den Rätselmacher erfahren will, muss seine Rätsel studieren.

CUS ist kein herkömmlicher Kreuzworträtsel-Erfinder, er fragt nicht nach dem längsten Fluss in Südamerika mit acht Buchstaben, er will keine korrekte Bezeichnung für ein männliches Schwein, kein Synonym für schroff. «Dieses <Günther-Jauch-Wissen> aus der Fernsehsendung <Wer wird Millionär?>», sagt CUS, «das interessiert mich nicht. Ich kenne den tiefsten See Europas nicht − und will ihn auch nicht kennen.» Wer CUS‘ Rätsel lösen will, dem hilft kein Universitätsabschluss, kein Lexikon und kein Google, er muss um die Ecke denken, Querverbindungen aufstellen, er muss sich persönlich eingeben, muss sich quälen, muss auf Fallen und falsche Fährten achten. «Man muss sich vorhangeln», sagt CUS über seine Fragen, «Schritt für Schritt.» Gefragt seien Ausdauer, Schlauheit, Systematik und eine Prise Humor. CUS: «Ein gutes Rätsel ist eines, das man nach zähem Ringen löst. Oder nach  einem Geistesblitz unter der Dusche.» Es dürfe nicht zu spezifisch sein, nicht zu fachidiotisch, ja kein Detail aus der Orgelbaukunst des Barock. «Am liebsten sind mir Stirnklatsch-Fragen. Das sind Fragen aus dem Alltag, die jeder lösen kann, und wer die Antwort hat», klatsch, und er haut sich auf seine Stirn.

Jedes Jahr im Sommer startet im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» «Das grosse Rätselrennen» von CUS, es ist, so ist man sich unter Kennern einig, das beste Rätsel im deutschsprachigen Raum, schwierig, voller Esprit und Humor.

«CUS ist Kult. Ein Rätselgott», schreibt einer auf Memac.de, einem eigens für CUS-Fans geschaffenen Internetforum. Hier treffen sich seine Anhänger, hier tauschen sich seine Jünger aus, «die Suche nach den Lösungen wird zur Sucht.»

Nicht wenige opfern ihre Ferien, um «Das grosse Rätselrennen» zu lösen, die Münchner Volkshochschule bietet Spezialkurse an. Und es sind nicht die Preise, die Familienväter und Biologiestudentinnen dazu veranlassen, sich wochenlang zu quälen, sie tun es nicht der Autos, Uhren oder Kreuzfahrten wegen, «es ist dieses Gefühl», schreibt einer der CUS-Jünger, der Moment, in dem man auf die Lösung stosse, sei wie eine Entdeckung, eine grosse Erleichterung, man müsse sich das vorstellen, «wie soll ich das sagen?, ja, also, es ist ein geistiger Orgasmus.»

Unterwegs kommen CUS die besten Ideen für seine Fragen, «ich achte auf Skurrilitäten, ich richte meine Aufmerksamkeit auf Dinge, auf die man sie normalerweise nicht legen würde: Warum laufen die Titel auf deutschen Buchrücken meist von unten nach oben, im Gegensatz zu englischen Büchern? Da könnte man doch eine Frage draus machen.» Rätsel zu kreieren, den richtigen Dreh zu finden, zu testen, ob die Frage auch «Google-resistent» sei, sagt CUS, das bereite ihm «noch immer sehr viel Spass». 50 Rätselfragen pro Woche, fast 3000 pro Jahr, rund 48 000 in 17 Berufsjahren.

Angefangen hat alles an der Uni in München, CUS studierte Jura, organisierte seine erste Schatzsuche, die er «Gaudi-Really» nannte: Er zeichnete einen Plan, dachte sich Fragen und Bilderrätsel aus und forderte andere Studenten dazu auf, den vergrabenen Schatz zu finden. Als Jurist arbeitete er nur kurze Zeit, die Rätsel liessen ihn nicht mehr los, irgendwann sei er vor der Entscheidung gestanden: «Will ich einer unter zigtausend Anwälten sein? Oder ein einsamer Rätselmacher? Ich entschied mich richtig.»

CUS, der vom Rätselmachen gut leben könne, «Typ: Wohnung am Stadtrand», beschreibt sich weder als besonders intelligent noch als präzisen Denker. «Ich löse auch keine Rätsel, dazu fehlt mir die Geduld.» Er pflege den bajuwarischen Schlendrian, er sei auch als Kind nie besonders fleissig gewesen. Dann zeigt er ziemlich aufgeregt mit der Hand zum Ausgang: «Da geht Bastian Schweinsteiger», der Spieler vom FC Bayern München, CUS: «Wir sind hier alle fussballverrückt.» «Haben Sie auch Rätselfragen über Fussball?» CUS: «Lassen Sie mich überlegen.»

CUS ist ein etwas schrulliger Mann, der an ein neugieriges Kind erinnert, das beim Nachhauseweg an den merkwürdigsten Orten stehen bleibt und sich an irgendwelchen Details erfreut. Nach dem Gespräch laufen wir zur U-Bahn, ein letzter Versuch, das Rätsel um seinen Namen zu lösen: CUS, so viel ist sicher, kann kein Kürzel sein, das wäre zu simpel, das Kürzel ist eine Falle. Dann kommt die U-Bahn Richtung Marienplatz, wir geben uns die Hand, CUS sagt: «Tschüss.» «Tschüss Marcus?» Und der grossgewachsene CUS, er runzelt die Stirn. Ganz leicht nur, aber doch unübersehbar. Wieder knapp daneben?

Das Schiff
In einem Umkreis von 10 000 Kilometern um ein hölzernes Schiff befindet sich kein Hafen. Wie heisst das Schiff?

Ja oder Nein?
Es ist vermutlich die einzige gängige Frage, die man ehrlicherweise nie mit Ja beantworten kann. Immer nur mit Nein. Wie lautet diese Frage?

 

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