Fort mit den Denkbarrieren

Rätsel haben immer eine Lösung. Hierin unterscheiden sie sich vom wirklichen Leben. Doch eben deshalb demonstrieren Rätsel besonders gut die verkrusteten Denkstrukturen und Sackgassen unserer Hirnwindungen. Ihre Lösungen erforden zugleich methodisches Vorgehen, Intuition und problemlösendes Denken.

Beantworten Sie einfach folgende Frage: Peters Mutter hat drei Söhne, nämlich Tick, Trick und …?  Na? Wer hier vorschnell den dritten Neffen von Donald Duck, also Track ergänzt, hat zu schnell gedacht. Denn auf diese Frage gibt es nur eine mögliche Antwort: Der dritte Sohn neben Tick und Trick muß natürlich Peter heißen. Warum aber lautet die erste Antwort fast immer Track? Unser Denken verläuft in eingefahrenen Bahnen. Das kann durchaus gut so sein, etwa wenn der Fuß die Kupplung tritt, sobald die Hand die Gangschaltung betätigt.

Jeder Autofahrer hat das schon tausendmal gemacht. Da dieser Vorgang fast unbewußt abläuft, bleibt mehr Zeit für das Geschehen auf der Straße, der Automatismus macht Sinn.

So läuft es fast überall im Leben – gleiche Fragen erhalten gleiche Antworten. Das spart Zeit und erhöht häufig die Effizienz unseres Handelns. Vor allem scheint es das Risiko von Fehlern zu
verringern. Doch wie viele dieser scheinbar logischen Antworten sind in Wahrheit unlogisch, entsprechen also nur der falschen Lösung Track, nicht aber der richtigen Antwort Peter? Wie oft sind wir deshalb in die falsche Richtung gegangen ohne es zu merken?

Der Fehler wäre durch kurzes Zurücklehnen und Nachdenken leicht zu beheben gewesen, aber die eingefahrene Denkbahn hindert uns daran. Die Entscheidung für den falschen Weg ist deshalb so gefährlich, weil es uns vordergründig als der richtige Weg erscheint. Eine klassische Fehlleistung also. Der scheinbar direkte Weg zum Ziel ist nicht immer der beste.

Gute Rätsel können das Hirn freipusten von den tief eingefahrenen Spuren, die lebenslanges Denken nach Schema F hervorruft. Viele Rätsel sind mit Logik zu lösen, andere mit Intuition, für die meisten braucht man eine Mischung aus beiden. Hier zeigt sich, ob die beiden Hälften  unseres Gehirns gut zusammenarbeiten: Die linke Hälfte, vereinfacht gesagt zuständig für das logisch-rationale Erfassen der Wirklichkeit und die rechte Gehirnhälfte mit den kreativen Ideen, der Vorstellungskraft, der Intuition. Viele Menschen vernachlässigen allzu gerne eine Hälfte ihres Gehirns zugunsten der anderen. Wenn Sie zum Beispiel geübt sind, streng logisch zu denken, dürften Sie mit dem folgenden Mystery viel eher auf Granit beißen als jemand, der die Sache rein intuitiv angeht: „Jemand schiebt einen Stein vor ein Hotel, zahlt 40 000,- und schiebt den Stein wieder weg. Wo liegt das Hotel?“

Vielleicht haben Sie das Rätsel „intuitiv“ in einer Sekunde gelöst. Wenn nicht, schade, denn dem Problem ist rein logisch viel schwieriger beizukommen. Ideal sind Rätsel, die sowohl rationales als auch intuitives Denken erfordern, also das perfekte Zusammenspiel beider Gehirnhälften. Ein Beispiel: „Was ist der längste Monat des Jahres?“
Zur Beantwortung brauchen wir problemlösendes Denken. Die längsten Monate haben 31 Tage, und sieben solcher Monate gibt es. Offenbar ist einer davon gemeint, aber welcher? Die Tage bringen uns nicht weiter. Gehen wir also eine Ebene herunter. Man könnte an einen der Monate denken, in denen die Astronomen öfter mal eine Schaltsekunde einfügen, um die kleinen Unregelmäßigkeiten der Erdbahn auszugleichen. Das wäre vorschnell auf die vermeintliche Lösung zugesprungen, um dann aus Freude darüber die richtige Lösung aus den Augen zu verlieren, sozusagen die Scheuklappen aufzusetzen. In unserem Beispiel liegt der Fehler darin, von den größten Einheiten des Monats gleich herunter auf die Sekunden zu springen, nur weil hier eine Antwort liegen könnte. Gehen wir lieber methodisch Schritt für  Schritt auf kleinere Einheiten herunter, so kommen nach den Tagen die Stunden.

Jeder Tag hat 24 Stunden, will uns die Logik sagen. Überlegen Sie. Soweit ist alles rational abgelaufen, nun muß die Intuition weiterhelfen: Nein, nicht jeder Tag hat 24 Stunden! Zweimal im Jahr spürt das jeder. Wann?

Richtig, das Umstellen der Uhren auf Sommerzeit und zurück. Dabei gewinnen wir im Herbst eine Stunde hinzu – ein Tag im Oktober hat 25 Stunden. Und da der Oktober auch 31 Tage hat, dauert er noch eine ganze Stunde länger als jeder andere Monat mit 31 Tagen. Die Schwierigkeit der Fragen ließe sich beliebig steigern, neue Sackgassen des Denkens würden sich auftun. Darüber sollte aber der Spieltrieb nicht verloren gehen, der den „homo ludens“ schon seit jeher zum Rätselraten reizt. Für das reale Leben kann man hier Strategien lernen, die uns auch um die Ecke herum schneller und sicherer zum Ziel bringen.

Zum Schluss ein Trost: Das Denken außerhalb der gewohnten Schablonen lässt sich planmäßig trainieren. Wie? Durch Rätsel natürlich.